Gruppen

In diesen Beitrag möchte ich noch etwas näher auf die Gruppen eingehen. Mir ist in den letzten Tagen aufgefallen, dass ich das Buch von Nicola Döring  bald zurückgeben muss. Deswegen habe ich noch einmal nachgeschaut, ob ich alles Nötige daraus habe. Dabei ist mir dann bewusst geworden, dass es dort noch ein ganzes Kapitel zum Thema „Gruppen und Internet“ gibt, den ich mir gar nicht angeschaut hatte, da mein erstes Thema ja mit den Identitäten und nicht den Gruppen zu tun hatte.
Also hole ich hier nochmal einiges nach:

Frau Döring hat eine wunderbare Abbildung der Gruppentypen in ihrem Buch, die möchte ich mit euch teilen, weil ich sie einfach super übersichtlich und verständlich finde:

Gruppentypen
Gruppentypen nach Döring, 2003, S. 490

Wie wir sehen, gibt es eine Unterteilung nach Funktion, Größe, subjektiver Bedeutung, und der Art der Gruppe.

Als Primärgruppen lassen sich solche Verbindungen definieren, die enge soziale und emotionale Bindungen aufweisen. Sie währen in der Regel auch länger als Sekundärgruppen.

Eine Großgruppe beginnt ab einer Anzahl von 30 Gruppenmitgliedern. Vor allem bei ihnen werden Kommunikationsmedien bevorzugt benutzt, um alle Mitglieder erreichen zu können. Diese großen Gruppen können sich dann wiederum in mehrere Kleingruppen aufspalten.


„Während formale Gruppen in erster Linie sachlich-instrumentellen Zielen und oft innerhalb von Organisationen gebildet werden, entstehen informelle Gruppen eher selbst organisiert und unter sozio-emotionalen Gesichtspunkten“ (Döring, 2003, S.491).

Mischtypen sind immer möglich.        

Worum handelt es sich bei meinen Facebook-Gruppen?

Meiner Meinung nach würde ich diese Gruppen als informelle Gruppen bezeichnen. Das Thema der Fluthilfe ist sehr sozial. Menschen schließen sich zusammen um freiwillig Hilfe zu leisten. Gleiches tut sich mit Gleichem zusammen. Sie verfolgen keine instrumentellen Ziele, sondern folgen ihrer Intuition, ihrem Bedürfnis helfen zu wollen.

Als Weiteres würde ich sie zu den Großgruppen zählen. Die Gruppen im Facebook gewinnen schnell an Mitgliedern. Sicherlich gab es bedeutend mehr Mitglieder, als das Thema noch ganz aktuell war und bevor ich  auf die Gruppe aufmerksam geworden bin. Eine Mitgliederanzahl über 30 ist daher gegeben.

Bei der Unterteilung von Primär- und Sekundärgruppen wird es für mich etwas schwieriger. Rein aus dem Gefühl heraus würde ich sie zu den Primärgruppen zählen. Alle Mitglieder haben dieselbe Intention, wollen helfen, haben die selben Interessen. Ich finde sie haben eine starke, wenn auch nur interessenbedingte, Bindung, die sowohl auf emotionaler als auch sozialer Ebene sehr eng ist.

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Doch woran erkenne ich, dass es sich bei einer mir vorliegenden Gruppen tatsächlich um eine richtige soziale Gruppe handelt?

Dafür gibt es 4 Hauptkriterien (vgl. Koch, 2002, S. 22; Sader, 1996, S. 39)

1. Ständige Kommunikationsmöglichkeit und fortgesetzte Kommunikation innerhalb der Gruppe (ongoing interaction)
2. Abgrenzung von der Umwelt und Binnenstrukturierung der Gruppe (boundary and structuration)
3. Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder (sense of membership)
4. Kollaboration und wechselseitige Unterstützung der Mitglieder (collaboration).

Auch Gruppenprozesse wurden von Frau Döring beschrieben.

Phasenmodell GruppePhasenmodell der Gruppenentwicklung nach Lipnack & Stamps, 1998, S. 177)

So gut wie jede Gruppe macht einen Gruppenprozess durch, der je nachdem etwas länger oder kürzer andauern kann. Unterschieden werden dabei die abgebildeten fünf Phasen.

1.      Forming: Anfangs- und Orientierungsphase, Zusammenfindung und erste Gruppenprozesse: Optimismus,  Neugier, Vorfreude

2.      Storming: Konfliktphase, Aufgabenbearbeitung, unterschiedliche Herangehensweisen: Spannungen, Auseinandersetzungen, Konkurrenz

3.      Norming: Konsolidierungsphase, Regeln, Rollen, Aufgabenverteilung: Freundlichkeit und Kooperation

4.      Performing: Durchführungsphase, wachsender Zusammenhalt

5.      Adjourning: Auflösungsphase, Aufgaben werden abgeschlossen, Gruppenbeziehung wird gelockert: Freude und  Trauer

Lesen wurde ich immer wieder an mein eigenes Beispiel erinnert:

Phase 1: Die Facebook-Gruppe wird gegründet, man wird darauf aufmerksam, tritt bei Interesse ein, findet sich zusammen, lernt die andern kennen, hofft viel helfen zu können und viele Infos zu bekommen, ist zuversichtlich
Phase 2: möglicherweise Ansturm von Posts, Anfragen, Teilungen (sagt man das so?), zu viel Information die nicht verarbeitet werden kann, Durcheinander,  Ratlosigkeit
Phase 3: es gibt langsam klare Strukturen und Muster in der  Art und Weise des Postens, möglicherweise Regeln und Herangehensweisen
Phase 4: man unterstützt sich gegenseitig und teilt Posts des anderen, kommentiert und hilft
Phase 5: die Flutkatastrophe ist vorüber, es gibt keine Anfragen für Hilfe mehr, die Arbeit ist getan, viele verlassen die Facebook-Gruppe wieder

 

Nachdem ich das alles aufgeschrieben habe ist mir selber aufgefallen, dass ich vieles vermute, aber nichts wirklich weiß.
Ich werde mich wohl in den kommenden Tagen hinsetzen und einige Fragen ausarbeiten, die sich an diesem Phasenmodell orientieren und die ich dann den Mitgliedern in den Gruppen stellen kann. Möglicherweise bekomme ich ja ein paar Antworten und kann dann einige Punkte von meinen Vermutungen etwas besser untermauern. Was sagt ihr dazu?

Fragen an Euch:
a) Wie würdet ihr die Facebook-Gruppen zur Fluthilfe eingliedern? Informal oder formell, klein oder groß, primär oder sekundär?
b) Findet ihr auch, dass das Phasenmodell gut auf mein Beispiel bezogen werden kann?

Quellen:

·         Döring, N. (2003). Sozialpsychologie des Internet.Die Bedeutung des Internetfür Kommunikationsprozesse, Identitäten,soziale Beziehungen und Gruppen. Göttingen: Hogrefe.

       Sader,  M. (1996): Psychologie in der Gruppe. Weinheim: Juventa

·       Koch, M. (2002): Interoperale Community Platforms and Identity Management in the University Domain. The International Journal on Media Management, 4 (1), 21-33

·         Lipnack, J & Stamps, J. (1998). Virtuelle Teams. Projekte ohne Grenzen. Wien: Ueberreuter

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3 Gedanken zu “Gruppen

  1. Hallo newbee91,
    ersteinmal noch ein verspätetes frohes neues Jahr 2014, ich glaube, viele von uns haben die Feiertage mit Familie und Freunden verbracht und die Arbeit etwas beiseite gelassen.

    Deswegen kommt hier mein Senf:

    Bei deiner Einordnung in große, informelle Gruppen gehe ich mit, jedoch hätte ich spontan die Flutkatastrophengruppen zu den Sekundärgruppen geordnet, da Primärgruppen „in der Regel auch länger als Sekundärgruppen währen“, wie du schreibst. In meiner Vermutung wurde ich ebenfalls durch deine zweite Skizze bestärkt, denn es scheint, als würden sich die Gruppen nach getaner Arbeit wieder auflösen („journing: Auflösungsphase, Aufgaben werden abgeschlossen, Gruppenbeziehung wird gelockert: Freude und Trauer“). Oder bestehen jetzt noch Flutkatastrophengruppen nachdem die Arbeit getan ist?

    Für mich kämen eine Einordnung in die Primärgruppen nur infrage, wenn die Gruppen auch nach der gegenseitigen, sozialen Hilfe fortbestehen würden, oder gar Freundschaften geschlossen worden sind.

    Kannst du selbst Mitglieder einer solchen Gruppe werden, um weitere praxisnähere Informationen zu erhalten, die du anschließend gegebenenfalls mit deiner Theorie verknüpfen kannst?

    Wie ist denn eine Sekundärgruppe definiert? Haben sich Untergruppen gebildet, die ggf. aufgrund ihrer sozialen Bildung primär sind? Und weißt du, wie eine primäre Großgruppe aussieht, also kann es in einer Großgruppe ab 30 Personen überhaupt sinnvolle emotionale Bindungen geben?

    Ich bin gespannt und wünsche dir viel Erfolg!

  2. Oh ich glaube du hast Recht. Deine Erläuterung, wieso sie Sekundärgruppen sein sollen, ist sehr plausibel.
    Es gibt immernoch einige Gruppen, allerindings gibt es dort keine Aktivitäten mehr.

    Ich habe mich für alle drei Gruppen die ich untersuchen wollte eingetragen (Zutrittsbeschränkungen), wurde bis Dato aber nur zu einer hereingelassen.
    Mein Ziel war es ja erst, eine Befragung in den Gruppen durchzuführen. Da dort aber keine Aktivitäten mehr geschehen, glaube ich nicht, dass ich damit viel erreichen werde. Herr Kreuzberger hatte mir da auch schon zugestimmt. Ich werde vielleicht noch eine Art Experteninterview mit den Gründern der jeweiligen Gruppen machen um da noch etwas genaueres herauszufinden. Da kann ich ja auch mal nachfragen wie die Gruppe so organisiert war (Untergruppen, Freundchaften, etc.)

  3. Hallo newbee91!
    Hui, hier hat sich ja viel getan auf deinem Blog: Nicht nur das Design hat sich verändert, sondern du bist auch schon um einiges weiter mit deinen Beiträgen 😉
    Mit der Einordnung der Fluthilfegruppen tue ich mich etwas schwer: „Sozialpsychologie des Internets“ ist ja aus dem Jahr 2003 und ein Jahr später ging Facebook erst online. Und das zunächst nur in Harvard. Heutzutage sind 30 Leute in einer Gruppe schon eher beschaulich 😉 Aber grundsätzlich schließe ich mich Angelika an, denn für mich wäre auch ein Fortbestehen der Bindungen wichtig, um das Ganze als Primärgruppe zu sehen.
    Bei formell/informell kann ich auch nur aus dem Bauch heraus sagen: Beides ist möglich. Denn die Gruppen sind sowohl selbst organisiert, als auch irgendwie struktiert. Alleine schon durch die Voranstellung beispielsweise [SUCHE] verlieht man dem Ganzen eine gewisse Struktur. Aber wie du ja selbst sagst: Mischformen sind immer möglich 😉
    Ich bin total gespannt, was du rausfinden wirst!

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